Eine neue (andere) Sau durchs Dorf treiben

Mit einer neuen Nachricht gezielt Aufmerksamkeit erregen; von einem Thema ablenken, indem man mit einem neuen aufwartet; mit etwas bewusst Aufregung erzeugen; Sensationsmache betreiben; ein Ereignis zur Sensation aufbauschen.

Herkunft

Die Redewendung stammt vermutlich aus dem ländlichen und bäuerlichen Alltag.

Erläuterungen

Eine sichere Quelle für die Redewendung lässt sich leider nicht angeben. Dennoch lassen sich nachvollziehbare Erklärungen finden. So gab es im 19. Jahrhundert die sogenannten Gemeindehirten. Ihre Aufgabe war es, das Vieh der Bürger oder Bauern in der Weidesaison zu hüten. Neben Pferden, Kühen und Schafen wurden auch Schweine versorgt. Das Schwein gilt als intelligentes Tier. Es ist also gut vorstellbar, dass es auf dem Weg durchs Dorf zur Weide (oder auch zur Schlachtbank) versuchte, eigene Wege zu gehen. Die vor Aufregung quiekende Sau erregte kurzzeitig Aufsehen im Dorf. Dann ging man wieder seiner Beschäftigung nach.

Ein solch vorübergehendes Aufsehen erregen auch aufgebauschte Nachrichten. Das Interesse an ihnen ist kurzlebig: Also wird schon morgen eine neue Sau durchs Dorf getrieben!

Der Vollständigkeit halber soll auf eine mittelalterliche Ehrenstrafe hingewiesen werden. Als Strafe für einen »schweinischen« Lebenswandel musste der Übeltäter eine Schandmaske aufsetzen. Als Schwein verkleidet wurde er auf einem öffentlichen Platz im Dorf angekettet. Dort war er dem Spott der Vorübergehenden ausgesetzt. Diese Deutung der Redewendung ist allerdings nicht belegt.

Beispiele und Zitate

  • »Der offenkundig überforderte Innenminister kann nicht alle paar Tage eine neue Sau durchs Dorf treiben und geschlossene Kompromisse der Koalition wieder infrage stellen.«

    Die Zeit, 07.11.2015 (online)
  • Ständig werden neue Säue durchs Dorf getrieben, Vorschriften verkompliziert, Ausnahmeregeln geschaffen – bis selbst die Finanzbeamten kaum noch durchblicken.

    Die Zeit, 06.02.2014, Nr. 07
  • Eine ganze Schar von Hauptstadtreportern ist, bildlich gesprochen, damit beschäftigt, tagsüber die Sauen durchs Dorf zu jagen, die sie morgens selbst losgelassen haben.

    Die Zeit, 26.07.2012, Nr. 31
  • Ob vor atomarer Strahlung, Gennahrung oder Gefahren wie BSE und Schweinegrippe, beinah jede Woche wird eine andere Sau durchs Dorf gejagt.

  • Aber dann wird eine »andere Sau durchs Dorf getrieben«, wie es im Mediensprech heißt.

    Die Zeit, 18.02.2010, Nr. 08
  • Es kann nicht richtig sein, dass Politiker zur eigenen Profilierung jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf jagen, bevor sie ihre vorherigen Ideen überhaupt erprobt haben.

  • Es geht jetzt darum, die in der Koalitionsvereinbarung niedergelegten Zielstellungen umzusetzen und nicht jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf zu treiben.

    Der Tagesspiegel, 15.08.1999
  • Die Shareholder-Vertreter machen einen großen Fehler, jede Woche eine neue Sau durchs Dorf zu treiben.

    Die Zeit, 21.01.1999, Nr. 04
  • Zur politischen Erfahrung gehört auch die Erkenntnis, daß jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird.

    Die Zeit, 06.12.1985, Nr. 50

Varianten

  • Eine neue (andere) Sau durchs Dorf treiben
  • Eine neue (andere) Sau durchs Dorf jagen
Letzte Aktualisierung dieser Seite am 20. März 2021.